Der Klon (Dragon 05.06.2007)

Der Himmel war grau an jenem Tag. Vereinzelte Regentropfen fielen aus den dicken, bauschigen Wolken und bildeten auf dem vereisten Boden kleine Pfützen. Der Mann ging den schmalen Weg entlang. Er ging langsam, zaghaft, so als wüsste er nicht recht, ob er seinen Weg fortsetzen sollte. Vor ihm ragte ein riesiger Gebäudekomplex in den Himmel. Riesig- und bedrohlich. Auf dieses Gebäude ging er zu. Zaghaft. Langsam. Es war eine Fabrik. Eine Fabrik, gebaut aus Glas und Metall. Kalt und abweisend. Mit der Zeit nahm der Regen zu, wurde stärker.

Ein paar Meter von dem Eingang entfernt blieb der Mann stehen. Dieser Bereich der Fabrik war gerade zu überladen von Alarmanlagen, Lichtschranken und Bewegungssensoren, voll von Toren, die von Zahlencodeschlössern behängt waren. Auf den ersten Blick, schienen diese Sicherheitsvorkehrungen maßlos übertrieben, doch sie waren notwendig, denn das, was hier hergestellt wurde war nicht gerade legal. Der Mann wartete. Auf etwas unheimliches. Auf etwas, das sein Leben verändern würde. Regentropfen fielen auf ihn herab und durchnässten seine Kleidung - doch er merkte es nicht.

Nach einiger Zeit öffnete sich die schwere Eingangstür und eine große, schlanke Frau im weißen Kittel trat heraus. In der Hand hielt sie etwas, doch er konnte es noch nicht erkennen. In ihm krampfte sich alles zusammen und er kämpfte mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen, wegzulaufen, von all dem. Doch er konnte es nicht. Sein Leben und das seiner Frau würde nie wieder normal werden können - so oder so nicht. Also wartete er, darauf, dass die Frau im weißen Kittel zu ihm kam. Hinter im fuhr ein Auto die Auffahrt herauf. Bremsen quietschten. Er zuckte zusammen. Man konnte ihm den Schmerz der ihn bei diesem Geräusch durchfuhr wahrlich ansehen.

Es war vor einem Jahr gewesen. Das grüne Sommerkleid hatte sie angehabt. Sie lief einem Ball hinterher...Jäh wachte er wieder aus seinen furchtbaren Gedanken auf. Die Bremsen quietschten! Er schüttelte sich, so als, wolle er die Erinnerungen an alles was gewesen war abschütteln, als wolle er es vergessen. Jetzt endlich kam die Frau mit dem Kittel näher. In der Hand hielt sie einen Karton. Der Deckel lag lose darauf. Nun stand sie vor ihm. Von ihr ging etwas kühles aus. Kühl- und bedrohlich. Ihr Gesicht war perfekt, und ausdruckslos. Ihr Atem roch nach Pfefferminze. Nie wieder würde er Pfefferminz riechen können, ohne das ihn dabei dieses Gefühl überlief. Das Gefühl grenzenloser Kälte.

Für einen kurzen Moment wendete er sein Gesicht von ihr ab. Holte Luft. Nun war sein Blick auf die Auffahrt gerichtet. Schon wieder fuhr dort ein Auto entlang. Ein goldenes. GOLDEN!! Wie er diese Farbe hasste, verabscheute- sich vor ihr fürchtete. Es war vor einem Jahr gewesen. Das grüne Sommerkleid hatte sie angehabt. Sie lief einem Ball hinterher, auf die Straße. Plötzlich bog es um die Ecke, das goldene Auto. Bremsen quietschten. Sie quietschten, doch das goldene Auto hielt zu spät. ZU SPÄT!!!

Der Mann drehte sich wieder zu der Frau mit dem Pfefferminzatem um. Er schluckte, Tränen standen in seinen Augen. Sie war erst sieben. Seine Tochter war erst sieben gewesen, als das goldene Auto um die Ecke bog!!! Die Frau starrte ihn gefühllos an. Dann hob sie den Karton ein wenig höher. "Ihre Bestellung". Er streckte die Hand aus. Zaghaft. Die Frau gab ihm die Schachtel. Er nahm sie an sich. Vorsichtig hob er den Deckel ab und schaute auf das winzige Ding das dort drin lag. Es war ein Baby. Ganz klein und zerbrechlich. Auf dem Kopf hatte es einen blonden Haarflaum. Es formte die winzigen Hände zu Fäusten.

"Es...es ist so", er brach den Satz ab. Die Frau verzog keine Miene. Sie blickte immer noch genauso teilnahmslos wie vorher. Monoton sagte sie: "Es wird genauso werden wie das Original: Das gleiche Aussehen, die gleichen Vorlieben, und sogar die gleichen Stärken und Schwächen. Pflegen Sie es wie ein ganz normales Kind." Er nahm das Baby aus der Schachtel heraus in seine Arme. Mit großen, glänzenden, tiefblauen Augen sah es ihn an. Er drückte es etwas fester an seine Brust. Tränen liefen über sein Gesicht.

Seine Tochter, seine Prinzessin. Er hatte sie wieder. Doch war das wirklich seine Tochter? Dieses etwas, das ihn mit so blanken Augen anblickte, teilte nicht eine einzige Erinnerung mit ihm. Es wahr eine Kopie. Es würde nie einen eigenen Charakter bekommen, kein eigenes Aussehen, keine eigenen Vorlieben, oder Stärken und Schwächen! Niemals! Es war nicht seine Tochter. Und er hatte Angst vor diesem Kind! Doch er hatte auch Angst davor, sie nicht mehr bei sich zu haben. Nicht mehr ihr Lachen zu hören, ihre helle Stimme. Ohne sie konnte er nicht leben!

Darum hatten er und seine Frau dieses Kind in Auftrag gegeben. In Auftrag gegeben, bei der Klonfabrik...bei diesem Gedanken wurde ihm unendlich schlecht. Wäre sie nur bei ihm, seine Frau. Doch sie konnte nicht mitkommen, konnte es nicht. "Liebling, ich schaff das nicht", hatte sie heute früh mit kaum hörbarer Stimme gesagt. Und so war er alleine losgefahren um seinen Klon abzuholen. Jetzt stand er hier mit einem Kind in den Armen, das aus den Genen seiner toten Tochter entstanden war.

"Wie war doch noch gleich der Name?", fragte die Frau mit dem weißen Kittel und eine Woge von Pfefferminzgeruch schlug ihm ins Gesicht. "Claire", hauchte er. Claire, seine Prinzessin. "In Ordnung, ich wünsche ihnen alles gute, und wenn es Probleme geben sollte kommen sie wieder vorbei.", sagte die Frau in diesem gefühlskalten Tonfall. Und er drehte sich um, ging den Weg zurück zu seinem Wagen- an dem goldenen Auto vorbei, mit dem Klon seiner Tochter im Arm. Der Regen goss auf ihn herab.

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