Wenn sich Eltern scheiden (Pantalaimon 21.08.2007)

"Kannst du nicht einmal aufräumen? Ich bin es langsam echt satt, deine Putzfrau spielen zu müssen!" Gestresst lief ihre Mutter durch das geräumige, aber unordentliche Zimmer, hob hier eine Hose auf, da ein Shirt. Das brünette Mädchen, welches mit hochgezogenen Knien auf dem Bett saß, bekam davon allerdings nicht viel mit. Mit leerem Blick, hin und her wippend, saß sie da und schaute ins Nichts. "Hörst du mir überhaupt zu?" Ärgerlich baute sich die dünne Frau nun vor ihrer Tochter auf, sah sie genervt an.

Wie in Trance hob das Mädchen den Kopf, sah ihre Mutter verwirrt an. Sie schien weit weg zu sein, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Und tatsächlich, war sie in einer Welt der Erinnerungen. Erinnerungen, an eine längst vergangene Zeit. Für das Mädchen schien diese Zeit Ewigkeiten entfernt zu sein, dabei war es erst vor einem Jahr gewesen, als ... Ihre Flut von Gedanken wurde unterbrochen, als ihre Mutter wieder irgendetwas sagte. Sie sah ihr zorniges Gesicht verschwommen durch einen Schleier aus Tränen. Wann hatte sie zu weinen angefangen? Sie wusste es nicht mehr.

Wieder verschwammen die Farben vor ihren Augen und sie wanderte zurück in die Zeit, als alles noch in Ordnung war. Diesmal reiste sie viel tiefer in die Vergangenheit. Sie sah sich, ein kleines Mädchen mit Zöpfen. Sie schaukelte, die Zöpfe schwangen im Wind hin und her. Auf der Bank saß ihre Mutter, sie lachte, als sie ihr kleines Mädchen so unbekümmert auf der Schaukel sah. Hinter ihr gab ihr Vater der Schaukel ordentlich Schwung. Auch er lachte. Das Bild wechselte, sie war nun etwas älter, doch noch immer ein Kind. Sie stand hinter einer Tür, blickte durch den schmalen Spalt ins Wohnzimmer. Ihre Eltern saßen auf der Couch vor dem Fernseher, hielten sich zärtlich in den Armen. Das Mädchen löste sich aus seinem Versteck hinter der Tür, trat zu ihren Eltern. Sie sagte etwas, konnte nicht schlafen. Lächelnd öffnete ihre Mutter die Arme. Das Mädchen kuschelte sich zufrieden zwischen ihre Eltern, die sich über ihrem Kopf einen warmen, herzlichen Blick zuwarfen.

Wieder verschwamm das Bild. Es war die gleiche Stelle hinter der Tür, doch diesmal war das Mädchen älter. Es war nun schon kein Kind mehr, sondern wuchs langsam zur Frau heran. Doch was sie nun durch den Spalt hindurch im Wohnzimmer sah, erschreckte sie. Ihre Eltern standen sich gegenüber, ihr Vater, mit hängenden Schultern, ihre Mutter schrie ihn an. Wie er das tun könnte, sie wären so glücklich gewesen. Er wollte antworten, doch die Frau ließ ihn nicht zu Wort kommen. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch aus ihren Worten sprach die Enttäuschung und die Ungläubigkeit einer betrogenen Frau. Vorsichtig schloss das Mädchen die Tür, ging leise die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie legte sich in ihr Bett, zu verstört um zu schlafen, dachte sie über das eben gesehene und gehörte nach. Tränen stiegen ihr in die Augen, denn sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Und das Mädchen weinte, weinte wie jetzt, ein Jahr später als sie auf ihrem Bett saß, hin und her wippend und ihre Mutter vor ihr.

"Du musst endlich aus deinem kleinen Schneckenhaus kriechen! Du kannst nicht ewig in deinem Zimmer hocken und weinen! Du musst wieder leben!" Die barschen, wenn auch gut gemeinten Worte der Mutter rissen das Mädchen aus ihren trüben Gedanken. Mit einem Mal war all der Trübsal vergessen, Zorn wallte in ihr auf. Sie stand auf, blickte ihrer Mutter wütend ins Gesicht. "Ich, ich, ich! Hätte Papa dich nicht betrogen, hättest du ihn nicht angeschrien und hättet ihr euch nicht scheiden lassen, dann wäre jetzt alles ganz anders. Dann müsste ich mich nicht in meinem Schneckenhaus verkriechen, nicht in meinem Zimmer sitzen und weinen. Dann könnte ich jetzt leben. Aber ihr habt mein Leben zerstört, versteht ihr das nicht? Verstehst du das nicht?"

Einen Augenblick lang sah sie ihre Mutter zornig an, dann stürmte sie aus ihrem Zimmer, die Treppe hinunter und raus aus der Tür. Heiße Zornestränen liefen ihr uber die roten Wangen, als sie den Weg entlanglief, weiter, immer weiter, einfach nur weg von diesem Haus, dieser Frau. Vielleicht konnte sie so ja auch den Erinnerungen entkommen. Den Erinnerungen an die beiden Menschen, die ihr Leben zerstört hatten.

Ja, dachte sie, sie haben mein Leben zerstört. Aber sie können mich nicht daran hindern, mir ein neues Leben aufzubauen. Und das werden sie nicht zerstören können!

Neue Kraft aus dieser grimmig gefassten Entscheidung schöpfend lief sie weiter, die frische Luft einatmend, und das erste Mal seit langer Zeit nahm sie wieder die Schönheit der Natur, das Leben, richtig wahr. Sie hörte die Vögel zwitschern, die Blätter leise im Wind rascheln, sah die Wolken am blauen Himmel dahin ziehen und spürte die warme Sonne auf ihrer Haut.

Sie würde wieder Leben!

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