Die Angst des Kaspar Dietrich (loonis 16.01.2008)

Kaspar Dietrich riss die Hand hoch, hoch vor die geblendeten Augen. Die Tür zu seinem Gefängnis öffnete sich mit einem fürchterlichen Knarren und ließ einen grellen Lichtstrahl herein, der die Wand beleuchtete.

Er bemerkte aus den Augenwinkeln wie sich die Soldaten vor ihm steif aufrichteten und starr nach vorne blickten. Kaum eine Sekunde dauerte das. Sie blinzelten nicht, standen alle in der gleichen Pose, in der gleichen hart wirkenden Körperhaltung. Es waren fünf an ihrer Zahl, allesamt in die gleiche grau blaue Uniform gekleidet, einen hohen Hut mit kurzer Krempe auf dem Kopf und darunter die genau gleiche, kurz rasierte Frisur.

Kaspar fühlte sich fremd. Er war kein Soldat. Er war …

Da tauchte ein großes, eisblaues Augenpaar auf, gefolgt von einer riesigen Hand, die sich tastend an den Soldaten vorbei schob und einen von ihnen rücksichtslos umstieß. Der Soldat fiel um, steif wie ein Brett. Er zuckte nicht einmal mit dem Augenlid.

Die Hand tastete sich weiter, fünf suchende, kurze, wurstige Finger.

Als erstes fanden sie Barbara. Barbara mit den langen, geraden Beinen. Barbara mit dem goldigen Haar. Barbara mit dem hübschen Gesicht. Die arme war einem Engel gleich, aber ihr Blick zeugte von ihrem geistigen Zustand. Verträumt war er und emotionslos.

Dabei war sie so ein nettes Mädchen - früher einmal, dachte Kaspar, arme Barbara...

Die Hand kam unterdessen immer näher. Kaspar Dietrich rutschte noch ein Stück tiefer in den Schatten, was die Glöckchen an seinem Narrenkleid schellen lies. Staub wirbelte hoch. Noch machte er sich keine großen Sorgen.

Die Hand betastete auch den Alten Helden, fuhr über sein makelloses Gesicht, den wohl frisierten Haarschnitt. Er ließ es über sich ergehen. Kaspar war nie warm geworden mit dem aufschneiderischen Typen. Vielleicht war Eifersucht der Grund dafür. Jedenfalls war der Alte Held früher einmal ein richtiger Held gewesen. Doch irgendeinmal hatte er einen Arm verloren und saß jetzt nur noch rum.

Simba hingegen schrie auf, als die Finger ihm aus Versehen auf den flauschigen Bauch drückten. Es war ein hoher, abrupter Schrei, einem Quieken gleich.

Langsam kroch nun doch die Angst in Kaspar hoch. Wollte die Hand etwa ihn? Die Finger bewegten sich jedenfalls tastend in seine Richtung, glitten wie Spinnenbeine über den rauen Holzboden.

Die Fingernägel, jeder so groß wie Kaspars Kopf waren allesamt abgekaut. Fürchterlich sah das aus.

Kaspar atmete ein letztes Mal tief ein, dann bewegte er sich nicht mehr, saß still wie eine tote Maus, drückte sich in den Staub und Sand, der sich in den Ecken des Gefängnisses angesammelt hatte. Nur wenige Fingerbreit von seinen Füßen entfernt hielt die Hand inne. Sie schien nicht weiter zu kommen. Der Arm war zu seiner ganzen Länge gestreckt. Kaspar Dietrichs Blut pochte durch seine Adern, sein Herz raste in einem holprigen Galopp. Eine Schweißperle lief ihm über die Stirn. Bitte nicht ich, flehte er in Gedanken, bitte, bitte...

Die Hand streckte sich noch ein letztes Mal, reckte sich bis in die letzten Glieder. Kaspar konnte die Rillen in der Haut sehen, roch den saueren Hautgeruch. Dann erschlaffte die Hand und zog sich zurück. Kaspar atmete erschöpft aus und sank die Wand, an die er sich gepresst hatte, hinunter, bis er schlaff in der Ecke lag. Wieder klingelten die Glöckchen sanft. Gerade noch mal gut gegangen.

Klein Sarah sprang von dem Stuhl vor dem Schrank aus rauem Holz in ihrem Zimmer, kaute kurz nachdenklich an den Fingernägeln und rief dann mit ihrem hohen, schrillen, quengelndem Stimmchen in den Korridor: "Mama! Mama! Hilf mir mal! Ich komm nicht an den Kasperle ran! Ich kann mein Spielzeug nicht aus dem Schrank nehmen! MAMA!"

Auf ins Forum!

Ihr wollt über diese Geschichte diskutieren oder Kontakt zum Autor aufnehmen? Hier landet ihr direkt auf der richtigen Seite im Forum!
GEO Reise-Newsletter
GEOlino-Newsletter
GEO.de Newsletter
GEO Frage-des-Tages-Newsletter
GEO Fotografie-Newsletter