Die Fremde (AyChan 12.06.2008)

Bremsen quietschten. Eine Frau schrie auf.

Ein dumpfer Aufprall.

Stille. Fast greifbar.

Dann das leise Murmeln der Leute.

Eine große Menschentraube auf dem Bürgersteig und der Straße.

Sie schauten auf die Frau, die am Boden lag, und auf das Auto.

Der Fahrer des Wagens saß leichenblass auf seinem Sitz und umklammerte das Lenkrad.

Die Frau auf dem Boden rührte sich nicht. Alle schauten sie an, sie und das Blut, das zwischen ihren blonden gelockten Haaren hervor auf den Asphalt lief.

Ein Mann in einer blauen Jacke löste sich aus der Menschenmenge, ließ seinen angebissenen Hotdog fallen und kniete sich neben die Frau. Er legte sein Ohr auf ihre Brust und hielt ihr seine Hand an den Mund. Kein anderer rührte sich.

Der kniende Mann sagte etwas, doch keiner beachtete ihn. Er stand auf und riss einer Frau im roten Mantel das Handy aus der Hand, mit dem sie gerade ein Foto von der blonden Frau auf dem Boden machen wollte. Er achtete nicht auf ihre Proteste, sondern wählte eine Nummer und sprach mit dem Mann am anderen Ende.

Dann kniete er sich wieder neben die Frau am Boden und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Er sprach leise auf sie ein, obwohl ihre Augen geschlossen waren.

Die Menschenmenge stand immer noch da und starrte die Frau am Boden und das Auto an. Sie tuschelten miteinander, und einige andere folgten dem Beispiel der Frau im roten Mantel und machten mit ihren Handys Fotos.

Der Mann zog seine blaue Jacke aus und legte sie vorsichtig über die Frau. Im selben Moment bogen ein Krankenwagen und ein Polizeiauto um die Ecke.

Zwei Männer sprangen aus dem rot-weißen Auto und bahnten sich einen Weg durch die Zuschauer. Ein Polizist wies die Leute an, Platz zu schaffen. Der Notarzt sprach kurz mit dem Mann, der bei der Frau kniete, und dann holten die Sanitäter eine Trage. Die blonde Frau wurde darauf gelegt und schon fuhr der Krankenwagen mit Blaulicht davon.

Die Menschentraube verlor sich, alle gingen wieder ihren Beschäftigungen nach.

Der Polizist klopfte dem Mann mit der blauen Jacke auf die Schulter und dankte ihm für seinen Einsatz.

Der Mann sah dem Krankenwagen hinterher. Dann blickte er auf das Blut der Frau an seinen Händen und murmelte: "Ich wüsste zu gerne, wer sie wohl war ...".

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