Was nach neunzehn kommt (schokO.Queen 19.06.2008)

Der Junge zählt die Regentropfen, die ihm auf die Nase fallen. Die Zahl nach neunzehn fällt ihm nicht mehr ein. Er schüttelt verärgert den Kopf, das Haar fliegt ihm ins Gesicht. Es war etwas mit einem z am Anfang, wie zwei, aber mit zwei beginnt es nicht.

Er hält sich die Hand vors Gesicht, damit es nicht mehr werden, und schaut zwischen seinen Fingern hindurch. Viel erkennt er nicht; der Regen nimmt ihm die Sicht. Er bleibt stehen und das Wasser fließt an ihm herunter. Bald ist sein Geburtstag. Nur mehr viermal schlafen, haben seine Eltern heute gesagt, viermal, das ist nicht oft.

Pünktlich um siebzehn Uhr schließt der Mann die Tür ab und verlässt das Haus. Draußen spannt er den schwarzen Schirm auf, den er schon am Morgen mitgenommen hat. Er fragt sich, warum er nicht nach einem roten oder gelben gegriffen hat. Würde auch besser zu seinen Jeans und dem hellen Strickpullover passen, den ihm seine Mutter zu Weihnachten geschenkt hat. „Damit du einen freundlicheren Eindruck auf die Kleinen machst“, hat sie gesagt und gelächelt. Dabei wirkt sein Spiegelbild, das ihm jeden Morgen ein schiefes Lächeln schenkt, doch schon nett genug.

Sein Auto hat er eine Straße weiter geparkt, wie jeden Tag. Ein bisschen Bewegung muss sein, wo er doch die meiste Zeit seines Lebens im Geschäft sitzt. Vor einer Woche hat er sich ein neues Auto gekauft, mit Sitzen aus schwarzem Leder. Schon wieder schwarz. Er lächelt.

Der Mann wischt mit der Hand über den nassen Lack, bevor er die Tür aufschließt. Er startet den Motor und genießt das brummende Geräusch. Viel besser als der alte Wagen, denkt er zufrieden.

Es wird immer kälter. Der Junge hüpft ein paar Schritte nach vorn und wieder zurück und sagt dabei alle Zahlen auf, die er kennt. Es sind gar nicht mal so wenig. Er vollführt eine Drehung, rutscht aus und landet hart am Asphalt. Und niemand ist da, der ihn trösten könnte. Seine Eltern kommen erst später; sie müssen Erwachsenenzeugs kaufen, haben sie gesagt. Der Junge rappelt sich auf und hofft, dass es Geschenke sind für ihn. Er möchte einen Kran haben, so einen zum Steuern. Vielleicht kaufen sie den ja gerade. Er hüpft nochmal nach vorn. Zu seinem letzten Geburtstag hat er nur ein paar Autos bekommen, so kleine, nicht so gute wie die, die seine Freunde haben. Aber vielleicht schenken ihm seine Eltern ja diesmal etwas Richtiges. Der Junge fängt den Regen mit dem Mund auf und denkt an die Geburtstagstorte, die es geben wird. Eine mit Schokoladenglasur möchte er diesmal. Oder eine mit weißem Zucker.

Die Ampel schaltet auf Rot, gerade als der Mann direkt davor steht. Er flucht leise. Es dauert viel zu lange, bis es Grün wird. Verärgert schimpft er vor sich hin. Zurzeit sind ohnehin so wenig Menschen unterwegs, dass die Ampeln hier völlig überflüssig sind. Sie stehlen einem nur die Zeit. Vielleicht sollte er das mal dem Bürgermeister schreiben. In Gedanken schreibt er Worte aufs Papier: Anzeige wegen Zeitdiebstahls. Er lächelt kurz.

Der Regen prasselt inzwischen so heftig gegen die Scheibe, dass der Mann trotz Scheibenwischer kaum noch etwas erkennen kann. Er gibt trotzdem Gas. Immerhin muss er noch Brot besorgen. Und die Bäckerei schließt in wenigen Minuten.

Es donnert. Der Mann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, fährt im gleichen Tempo weiter.

Inzwischen sieht er fast nur mehr die Tropfen vor und auf der Scheibe. Er entschließt sich, doch ein wenig langsamer zu werden.

"Neunzehn", sagt der Junge und bleibt stehen. Er schließt die Augen und dreht das Gesicht nach oben. Wasser rinnt ihm in den Kragen. Vielleicht bekommt er ein neues Fußballtrikot.

Der Mann hört sich selbst schreien, als wäre er ein anderer, der ihn beobachtet. Er reißt das Steuer herum, tritt auf die Bremse, so fest er kann. Der Motor stottert, stirbt ab. Der Mann wagt es nicht, die Tür zu öffnen, wagt es nicht mal, nach draußen zu schauen. Seine Finger halten das Lenkrad fest umklammert.

Aber er hat den Jungen nicht angefahren oder gar – er bemerkt, dass seine Hände zittern – überfahren. Bestimmt nicht, das hätte er doch gemerkt! Natürlich hätte er das. Und als er den Kopf wendet, ist ihm, als sähe er den Jungen als dunkle Gestalt ihm Regen. Der lebt doch noch, auf jeden Fall, und verletzt sein kann er auch nicht, nachdem ihn das Auto nicht einmal berührt hat.

Er seufzt erleichtert auf und drückt wieder aufs Gas.

Die Straße ist voller Wasser, aber der Junge steht nicht auf. Er kann nicht aufstehen. Er zieht die Beine an den Körper, umschlingt sie mit seinen Armen. Es schüttelt ihn richtig. Das Auto fährt weiter, weg von ihm, und es ist niemand da, der ihn trösten könnte.

Fahrerflucht.

Das ist es, was er gerade tut.

Er schluckt, ist entsetzt über sich selbst. Ist es nicht immer er gewesen, der sich über rücksichtslose Autofahrer aufgeregt hat? Dabei ist er doch selbst so einer, wie ihm gerade bewusst wird.

In einer Einfahrt dreht er um und fährt zurück, langsam, damit ihm nicht noch einmal dasselbe passiert.

Diesmal bemerkt er den Jungen rechtzeitig. Er hält an und steigt aus, ohne Schirm, steigt in eine Pfütze und seine Socken werden nass.

Der Junge zittert am ganzen Körper. Der Mann weiß nicht recht, was er tun soll. Er hat heute wie an fast jedem Tag nur lachende Kinder gesehen und wenn sie dann doch mal heulen, sind immer die Eltern in der Nähe. Schließlich geht er auf den Jungen zu, bückt sich und legt ihm einen Arm um die Schultern. "Komm", sagt er leise. "Steh auf. Es ist kalt da. Wo wohnst du? Ich bringe dich nach Hause."

Der Junge bleibt stumm. Wasser rinnt ihm aus den Haaren über den Rücken hinunter. "Dir muss doch kalt sein!", versucht es der Mann noch einmal, doch wieder bekommt er keine Antwort. Er seufzt resigniert. "Wie alt bist du eigentlich?", fragt er, nun schon ein wenig ungeduldig.

Der Junge starrt nach vorne. Und dann sagt er "Sechs. Bald bin ich sechs."

"Bald?"

"Ja, bald." Er schaut den Mann nun an und lächelt sogar ein bisschen. "Und ich will einen Kran. So einen zum Steuern."

"Wirklich?" Der Mann lacht.

Der Kran ist rot. Der Junge hält die Fernbedienung fest in den Händen, lässt ihn eine kleine Schachtel aufheben, die mit in der Packung war.

"Toll", flüstert er. "Danke."

Der Mann lächelt. "Ich habe noch jede Menge da hinten in einem Regal. In meinem Geschäft gibt es so ziemlich alles, was Kinder sich wünschen.“ Er macht eine kurze Pause. "Aber jetzt sollten wir besser nach Hause fahren. Deine Eltern warten bestimmt schon."

"Ja", sagt der Junge, und der Kran dreht sich im Kreis.

"Warum bist du überhaupt allein draußen gewesen?", fragt der Mann. "War dir langweilig?"

"Die Tür war offen."

Der Junge beugt sich vor. Auf der Schachtel steht eine Zahl. Eine zwei. Und eine null.

"Zwanzig", sagt der Junge und lässt die Schachtel fallen.

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