das Gefühl der Stille (Kat08 25.07.2008)

In diesem Artikel
Teil 1
Teil 2

Teil 1

Ich hörte nichts.

Ich lag auf meinem Bett und wollte nichts hören, deshalb hatte ich mir Watte in die Ohren gesteckt. Ich wollte nichts hören. Nichts von dem Vogelgezwitscher, von den Autos und auch nichts von den Menschen. Vor allem nicht von den Menschen in diesem Haus. Meiner Mutter und meinem Vater.

Um sie nicht zu hören hätte ich auch einfach in den Garten gehen können, aber auch von dort wollte ich nichts hören. Sonst hörte ich immer gerne zu, aber heute wollte ich allein in dieser Stille sein. Kennt ihr das, wenn ihr nichts hört? Nichts was euch freuen oder beunruhigen könnte? Egal wo, und wenn man sich trotzdem sicher fühlt? Das Gefühl der Stille.

Deswegen hatte ich jetzt Watte in den Ohren.

Meine kleine Schwester betrat den Raum. Sie sagte irgendetwas, aber ich drehte mich nur zur Wand. Ich wollte auch nicht sehen, was sie sagte. Sie sah die Watte in meinen Ohren und ich vermutete, das sie jetzt das Zimmer verließ und in ihr eigenes ging. Ich glaube, sie wollte auch nichts hören.

Es wurde dunkel. Es müsste längst neun Uhr sein und Abendessen geben, aber ich machte mir nichts vor. Heute würde es kein gemeinsames Abendessen geben. Nichts war mehr so wie sonst immer. Sonst war mein Vater immer den ganzen Tag weg und kam erst gegen Abend wieder von seiner Arbeit nach Hause. Er war der Chef einer Bank und deswegen immer sehr beschäftigt. Aber er hatte es meistens noch bis zum Abendessen nach hause geschafft. Meine Mutter war immer den ganzen Tag zu hause gewesen und hatte auf uns aufgepasst, auch wenn sie nicht zu bemerken schien, dass ich schon dreizehn und Julia acht Jahre alt waren und nicht rund um die Uhr betreut werden mussten.

Mit Mum hatten wir immer reden können, und wenn wir das aus irgendeinem Grund doch nicht konnten, so konnten wir immer noch abends mit unserem Vater reden. Aber jetzt war alles anders. Meine Mutter war immer gestresst und auch beinah den ganzen Tag außer Haus. Auch Vater war immer gestresst, und wenn man ihn nur ein Wort fragte, schrie er einen an und sagte, er wolle nicht gestört werden.

Wieder öffnete sich die Tür. Julia kam rein. "Hey, sie haben aufgehört sich zu streiten, aber Mum ist aus der Tür gegangen und ich glaube, sie kommt nicht wieder." Julia war zwar klein, aber sie war nicht dumm. Wenn meine Eltern dachten, sie würden ihr etwas vormachen können, so haben sie sich da geirrt. Und ich gönne es ihnen, wenn Julia irgendwann einmal richtig wütend wird.

Doch wir hatten uns beide geirrt. Unsere Mutter kam wieder. Genau vier Tage nachdem sie gegangen war. Ich sah es von der Treppe aus. Sie begrüßte niemanden und ging in die Küche wo Julia saß und malte. Vater war noch nicht zu Hause. Sie sagte irgendwas zu Julia und diese stand auf und ging in ihr Zimmer. Nach einer Weile kam sie wieder und trug eine große Reisetasche. Meine Mutter erwartete sie am Fuß der Treppe. Mich hatte sie noch nicht entdeckt. Julia fragte etwas. Ich wusste das sie Fragte, ob sie sich noch schnell von mir verabschieden könne, aber Mutter sagte NEIN.

Sie verließen das Haus.

Ich lag wieder auf dem Bett und hatte wieder watte in den Ohren. Ich hörte wie die Haustür unten aufgeschlossen wurde. Mein Vater kam heim.

Später an diesem Abend kam er in mein Zimmer. Er setzte sich neben mich aufs Bett. Er sagte etwas, aber ich hörte ihn nicht. Ich hatte Watte in den Ohren. Er merkte es nicht. er drehte sich zu ihm um. Legte seine Hand auf meine Schulter und sagte:"Jetzt wird alles gut." Ich sah an seinem Mund, dass er das sagte. Aber ich glaubte ihm nicht. Er verließ mein Zimmer.

Ich war wie in einem Traum. Ich spürte nichts. Nichts bis aufeine schwere Müdigkeit.

Warum?

Warum hatte sie nichts gesagt?

Warum hatte sie sich nicht verabschiedet?

Warum hatte sie nicht erlaubt, dass meine Schwester sich verabschiedete?

Warum war sie einfach gegangen?

Warum?

Warum?

Warum?

Und mein Vater sagte, alles wird gut.

Für ihn.

Nicht für mich.

Teil 2

Mein Vater war schon vor langem gegangen, doch ich lag immer noch unbewegt auf dem Bett und lauschte in die Stille. Ich wollte immer noch nichts hören und hatte deshalb die Watte noch in meinen Ohren gelassen. Jetzt fühlte ich sie auch. Die Stille. Groß, grau, unbeweglich und undurchdringlich. So saß sie in mir, wie ein großes leeres Loch. Ich wusste, wenn ich die Watte aus den Ohren nahm, würde ich wieder spüren. Alle Gefühle würden auf mich einstürzen. Ich würde überschwemmt und fortgespühlt werden. Doch genauso wusste ich, irgendwann müsste ich sie wieder aus den Ohren nehmen, müsste wieder fühlen und jede Minute die ich wartete, schob ich das Unvermeidliche nur länger vor mir her. Ich wiegte mich nur länger in Sicherheit und schützte mich mit der Stille vor der Wahrheit, aber ich genoss es.

Langsam, fast zögerlich, hob ich meine Hände an die Ohren und nach den letzten Sekunden wohltuhender Stille, nahm ich sie aus den Ohren.

Jetzt fühlte ich wieder. Ich fühlte den Hass auf meine Mutter, wie sie sich nicht von mir verabschiedet hatte. Wie sie nicht zugelassen hatte, dass Julia sich von mir verabschiedete. Ich spürte die Wut auf meinen Vater, auf seine Worte und wie er nicht einmal bemerkt hatte, das ich Watte in den Ohren hatte.

Meine Zuneigung zu meiner kleinen Schwester, dass sie das mit der Watte immer bemerkt hatte.

Und eine Zufriedenheit. Die angenehme Gewissheit, das es vorbei war. Vorbei mit den Streitereien, vorbei mit weinenden Geschwistern und knallenden Türen. Einfach vorbei.

Ich zog meinen Schlafanzug an und schlief ohne ein Abendessen ein. Wie öfters in letzter Zeit. So vergingen mehrere Tage und ich sprach kaum ein Wort. Ich hatte Angst. Angst vor dem was kommen sollte. Angst vor der Zeit als Einzelkind.

Ich traf mich kaum noch mit meinen Freunden und lag die meiste Zeit des Tages schweigend auf meinem Bett.

Dann, acht Tage nachdem sie gegangen waren, hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand leise auf und ging aus meinem Zimmer. Ich betrat den Flur und blieb vor Julias Zimmer stehen. Ich zögerte, aber dann drückte ich die Klinke herunter, denn ich wusste, wenn ich mich jetzt nicht traute, dann würde ich mich niemals trauen.

Ich setzte einen Fuß in das Zimmer und fragte mich dann erstaunt, warum war das Laufen auf dem Flur bloß so anstrengend gewesen und hier drinnen so einfach.

Aber ich wusste es. Draußen, auf dem Flur, hatte ich Angst gehabt. Hier, in Julias Zimmer wusste ich, es würde alles besser werden. Ich ging auf den Tisch zu und sah einen Zettel darauf liegen. Nein keinen Zettel, einen Brief. Geschrieben von Julia, auf ihr bestes Briefpapier. Ich setzte mich auf den Stuhl und öffnete ihn.

Da stand in Julias Drittklässlerschrift :

Liebe Maxi,

ich weiß, dass unsere Eltern sich bald scheiden lassen. Heute direkt nach ihrem Streit, als ich im Garten spielte, kam Mama zu mir. Sie sagte, sie werde bald umziehen und ich solle mit ihr kommen. Als ich das gehört habe bin ich sofort ins Haus gerannt und habe dir diesen Brief geschrieben. Mama hat auch gesagt in dem neueun Haus darf ich einen Computer haben und das sage ich dir nur damit du mir dann immer E-Mails schreiben kannst.

Sei bitte nicht so traurig, wir können uns ja in den Ferien treffen, auch wenn das noch lange dauert.

Viele Grüße,

Julia

P.S. Ich glaube, es würde Mama ärgern, wenn sie wüsste, dass ich dir noch einen Brief geschrieben habe. Hihihihi

Jetzt musste ich lächeln, es war schön zu sehen, dass meine Schwester nicht aufgab. Ich sah mir noch einmal den Umschlag an und sah ein in warscheinlich größter Eile dahingekritzeltes Tschüß.

Ich lächelte noch mehr und mit diesem Lächeln ging ich in mein Zimmer und schlief ein. Ich nahm mir noch beim Einschlafen vor, morgen würde ich ihr schreiben.

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