Misery (Klugscheißer 08.10.2008)

Ihre Schritte hallten deutlich von den steinernen Wänden und Rundbögen. Langsam schritt sie auf dem kalten Boden zur Mitte des Raumes. Niemand da. Eilig lief sie nun zurück, ihre Hand war schon wieder auf der Klinke, als sie es hörte. Sie dachte, sie hätte es sich nur eingebildet und drückte die Klinke hinunter. Doch da war es wieder, dieses Geräusch. Sie hielt inne. Kaum mehr als ein Windhauch, aber zu regelmäßig... sie ließ die Klinke nun los und ging ein paar Schritte zurück. "Hallo?" fragte sie vorsichtig. Als sie sich darauf konzentrierte, hörte sie nun ganz deutlich das Geräusch. Es waren Atemzüge eines Menschen. Doch sie gingen schwer, langsam und rasselnd, als ob jedes Luftholen eine einzige Qual wäre. Sie schritt bedächtig nach hinten, während die Atemzüge immer deutlicher wurden. Und mit der Lautstärke des dumpfen Ein- und Ausatmens wuchs auch ihre Angst. Ihre Angst davor, was sie am Ende erwarten würde. Sie war nun ganz hinten angekommen. Ganz langsam drehte sie ihren Kopf nach links. Dort war er. Er lag mehr als das er saß, zusammengesunken, zusammengekauert an der Wand. Seine rechte Hand hatte er an das blutdurchtränkte, Jackett gepresst, sein Gesicht war eine einzige schreckliche Fratze aus unendlichem Schmerz. Von Entsetzen halb gelähmt brachte sie es dennoch fertig, ein paar Schritte näher zu gehen. Er schien sie bemerkt zu haben und blickte auf. Blaue Augen durchbohrten sie. "Du". Das Wort schien zugleich etwas verächtliches, anklagendes und dennoch etwas überraschtes, dankbares in sich zu haben. "Ich...Ich..." stammelte sie. Er senkte wieder seinen Blick. Für kurze zeit, die ihr wie die Ewigkeit vorkam, war sein rasselnder Atem das einzige Geräusch, das zu hören war. "Ich...habe...das hier gehört dir." Sie streckte die Hand aus. Es war warm und glatt. Langsam hob er den Kopf. Er betrachtete das kleine Ding in ihrer Hand mit einem Stirnrunzeln, als wüsste er nicht, was es war. plötzlich, zuerst ganz leise, dann immer lauter kam ein neues Geräusch. Ein gurgeln, ein sprudeln. abgehackte Laute. Sein Oberkörper zuckte. besorgt betrachtete sie ihn. Dann legte er plötzlich den Kopf in den Nacken und lachte. Er lachte. Er lachte lauthals und schallend und mit offenen Augen. Erschrocken und verstört wich sie zurück, es fiel ihr aus der Hand und rollte über den Boden in eine dunkle Ecke. Das Gelächter steigerte sich ins hysterische und ihr Blick verschwamm. Sie rannte nun zum Ausgang. Etwas heißes und nasses rann ihr über die Wange, während sie nach der Klinke tastete. Das Gelächter hallte von der steinernen Decke und dröhnte in ihrem Kopf. Sie wischte sich mit der Hand übers Gesicht und warf das Tor hinter sich zu. Doch als sie über den Hof rannte und das Geräusch von knirschendem Kies an ihr Ohr drang, konnte sie das Bild von ihm nicht von ihrem inneren Auge vertreiben. Dieser Blick... Oh mein Gott... oh mein Gott, was habe ich getan? was habe ich nur getan?

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