Windkind - Teil I (Loonis 07.10.2008)

Windkind nannten sie es.

Weil man sicher sein konnte, dass der Wind über die Dünnen jagte, wenn es sich zeigte.

Wo genau es lebte, wusste niemand. Irgendwo zwischen den Dünnen, sagte man sich.

Nein, nein, in einer Höhle, sagten andere, oder im Leuchtturm.

Wovon es lebte wussten noch weniger. Wie es wirklich hiess - darüber wurde schon gar nicht geredet.

Man wusste nur, dass die Kinder dem Mädchen fern bleiben sollten. Solch ein Ding konnte kein guter Spielgefährte sein. Und dass das Mädchen für diesen und jenen Einbruch verantwortlich war, wurde ebenfalls gemurmelt, aber wirklich sicher war sich in dieser Hinsicht niemand. Dennoch: wer sollte es sonst schon sein. Tatsache war, dass hin und wieder Eier fehlten, wenn nicht sogar Hühner und man am Tage nach dem Diebstahl Eierschalen oder gar Hühnerknochen am Strand fand. Neben Schwemmholz und toten Muscheln halb im Sand versunken, von den Wellen sacht umspühlt.

Und auch beim Brand in Bauer Max’ Scheune war das Windkind in der Nähe gewesen. Man hatte seinen verwuschelten, schwarzen Haarschopf erkannt. Seine übergrosse, grüne Regenjacke. Und die Spuren von nackten Füssen im vom Löschwasser aufgeweichten Hofboden waren ohne Zweifel ihm zu zuschreiben.

Zwar hatte es niemand wirklich erkannt, dafür war die Nacht zu dunkel gewesen und zu viele Menschen hatten sich auf zu kleinem Grund versammelt, und trotzdem zweifelte niemand daran, dass das Windkind seine Finger im Spiel gehabt hatte.

Es war böse.

Und wer sonst konnte es auch gewesen sein?

Bestrafen sollte man es, darüber waren sich die Dorfbewohner einig. Einfangen und bestrafen und in ein Heim stecken. Einen Menschen aus ihm machen. Zu seinem eigenen Wohl, natürlich.

Was das Windkind wollte, fragte niemand.

Die Suche wurde auf den kommenden Dienstag angelegt. Alle sollten helfen, die Kinder, die Alten und die Berufstätigen. Ausnahmezustand sollte herrschen. Die Hunde sollten gebracht, die Funkgeräte entstaubt und aufgeladen werden und der Dorfpup sollte seinen Vorrat an gutem, kräftigen Bier auffrischen, denn nach der Suche würde gefeiert werden.

Das Windkind war gefährlich.

Nicht noch länger durfte man zögern.

Wer wusste schon, was noch alles passieren würde, wenn man nicht sofort eingriff. Der Dienstag kam.

Es war ein Tag, an dem sich die Wellen krachend an den Klippen unter dem Leuchtturm brachen und die Gischt Meter weit flog. Es war ein Tag, an dem die Möwen kreischten vor Angst, es war ein Tag an dem dunkle Wolken den Himmel verdeckten.

Es war ein Tag, an dem man sich am Besten mit einer heissen Tasse guter, dunkler Schokolade im Bett verkroch und ein Buch las, das von besseren Zeiten berichtete. Aber die Dorfbewohner hatten sich zahlreich unter der Alten Ulme versammelt, ausgerüstet mit Regenschirmen und Regenmänteln, Thermoskannen und Sandwichs, schwerem Schuhwerk, Funkgeräten, Mistgabeln und der einen oder anderen Schrotflinte. Die Gesichter waren grimmig, Schatten lagen über den Augen und die Münder waren harte Linien ohne Gefühl. Es war still.

Selbst die Hunde bewegten sich nicht, hatten nur nie Schnauze witternd in die Höhe gereckt.

Man wartete. vEtwas lag in der Luft und machte sie schwer und die Menschen aggressiv. Die Spannung lag wie ein Knistern in den Blicken, die sich die Leute zuwarfen, sie hetzten sich gegenseitig auf.

Bist du bereit?, fragten die Blicke.

Ich sicher. Und du?

Klar. Worauf warten wir noch. Worauf? Los!

Los! LOS!

Bis ein Donner die Menschen zusammen zucken ließ.

"Gut.", erhob jemand seine Stimme. Es war der Bauer Max, dessen Scheune niedergebrannt war. Erneut grollte der Zorn des Himmels über sie hinweg und Max wartete ein paar Augenblicke, bis er seine Stimme wieder erhob. "Ihr alle wisst, wieso wir hier sind. Ihr alle wisst, was zu erledigen unsere Pflicht ist. " Ein Blitz zuckte zwischen den Wolken hindurch und tauchte Bauer Max’ Gesicht in schauriges Licht. Er war ein grobschlächtiger Mann. Breite Schultern, wettergegerbte Haut und Augen, die töten konnten, verschafften ihm immense Autorität. Sämtliche Aufmerksamkeit der Dorfbewohner richtete sich auf den Mann, dessen Stimme selbst die Donner dieses fürchterlichen Tages übertrumpften.

"Leute dieses Dorfes! Ich will nicht lange reden. Ich will euch aber fragen: Wollt ihr wieder Frieden haben hier, hier in unserem geliebten Dorf?"

Ein lautes Jah! scholl ihm entgegen.

"Dann lasst uns nicht zögern, sondern das Windkind finden!"

Die Leute teilten sich in fünf Gruppen auf, sie sollten von verschiedenen Richtungen die Dünnen durchforsten, denn da hatte man das Windkind am häufigsten angetroffen.

Es hatte zu regnen begonnen. Die Tropfen prasselten hart wie Hagel auf den Boden nieder und verwandelten ihn in sekundenschnelle in Matsch.

Jona, ein unscheinbares Mädchen, das sein Alter an sieben Fingern abzählen konnte, klammerte sich an den Zipfel von Mutters Regenmantel. Sie hatte Angst. Wieso war ihre Mutter plötzlich so böse? Wo waren all die lieben Worte, die ihre Mutter sonst so fröhlich sagte um sie zu trösten?

Was war los?

Ein Kind sollten sie suchen. Das Windkind.

Einmal hatte Jona es bereits gesehen, bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter. In der Ferne war es auf einer hohen Düne gestanden. Eine dünne Gestalt mit weiten Kleidern an denen der Wind zerrte und zog. Jona war stehen geblieben. In diesem Moment drehte sich das Windkind um, als hätte es Jonas Blick auf sich gespürt und hatte die Hand gehoben. Wie zum Gruß.

"Schau Mama", hatte Jona gesagt und auf die Gestalt in der Ferne gedeutet.

"Was?", hatte die Mutter gefragt.

"Das Windkind. Es winkt. Siehst du es nicht?"

"Doch." Die Stimme der Mutter hatte ungeduldig geklungen. Mürrisch, wie sonst nie. "Komm weiter, Jona."

"Ist das Windkind denn böse?", hatte Jona gefragt und zum Gesicht der Mutter hoch geschaut. "Ja.", war die knappe Antwort. Jona hatte nicht weiter gefragt. Aber gewundert hatte sie sich schon.

Und jetzt sollten sie das Windkind einfangen?

Was hatte es gemacht, dass es so böse war?

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