Ausschnitt aus: Der Name Tod (arcor 04.11.2008)

Das Fenster stand offen. Sie hatte es nicht offen gelassen, sie nicht. Bestimmt nicht. Und wenn doch, dann war es ihr egal. Sie fragte nicht nach dem Warum, nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich war es ihre Mutter gewesen. Wahrscheinlich roch es nach Deo. Es war ihr egal.

Sie legte eine Hand an den Fenstergriff. Kalt war er. War es wirklich schon Winter? Kalt und ein bisschen glatt. Fast nass. Vielleicht hatte es geregnet. Unten rief jemand etwas. Eine Frau eilte mit hochhackige Schuhen vorbei. Ein rhythmisches Klacken. Ein Handy klingelte. Jemand blieb stehen, sagte etwas, ging weiter. Schlappende Schritte auf nassem Asphalt. Es regnete.

Sie sah nicht hinunter. Sah auf kein menschliches Leben. Es würde Zeitlupe sein, alles wie in Zeitlupe. Sie wollte nicht in Zeitlupe leben. Ihre innere Uhr war zersprungen. Längst kein Gefühl für Zeit mehr, nur brennende Leere. Sie wurde weiter mitgezogen vom Strom der Zeit. Unaufhaltsam zog er an ihr. Konnte er nicht schneller fließen? Konnte er sie nicht schneller mit sich reißen? Schneller. Durch ihr Leben. Welches Leben? Durch die Zeit der Welt. Welche Zeit? Unaufhaltsamer. Durch all die Leere. Durch Nichts. Stärker. Aber da war keine Zeit mehr. Jemand hatte sie mitgenommen. Und Leben war da auch keins mehr. Sie lebte in einer Illusion. Nur ein kleiner Stups, nur einen kleinen Anstoß würde es brauchen, damit alles in sich zusammenstürzen würde. Zerplatzen, wie eine Seifenblase, so zart, aber nicht halb so schön. Sie würde in ein schwärzeres noch leereres Nichts stürzen. Unaufhaltsam. Für ewig. Eine Seifenblase.

Da war Frühlingswind. Ein Vogel flog über sie hinweg. Blau. Ein blauer Vogel. Sie lachte laut auf. Es war so schön zu lachen. Die Luft schmeckte nach Lachen. Nach Lachen, nach neuem Leben, ein bisschen nach Liebe. Der Vogel flog eine Kurve. Schräg lag er in der Luft, die Spitzen seiner Flügel, die Federn zitterten leicht im Wind. Die schon tief stehende Sonne färbte sie ein wenig grau, fast schwarz. Ein blass rosanes Blütenblatt wirbelte empor, als der Vogel mit den Flügeln schlug und auf einem neuausschlagendem Ast landete. Die kleinen, runden, hellgrünen Blätter sahen fast so aus, als hätte sie nachts, klammheimlich jemand angeklebt und als würden sie bei jedem noch so schwachen Windstoß, davon taumeln, getragen von Wind, ohne Ziel, hinaus in den Frühling. So wie das Blütenblatt. Es schwankte einen Moment in der Luft, als wäre der Wind unsicher, ob er es hergeben sollte. Dann legte es sich so sanft auf ihren Arm, dass sie nichts spürte, nicht einmal den kleinsten Hauch, nicht einmal ein Kitzeln, wie sie es sonst immer tat, wenn sie im weichen Gras lag und der Wind ihr mit den schmalen Halmen übers Gesicht strich. Vorsichtig nahm sie das feingliedrige Blatt auf den Zeigefinger. Dünne, kaum sichtbare Äderchen zogen sich durch das rosane Gewebe, wie ein Fluss sich durch einen Sumpf schlängelte. Unzählige schmale Nebenarme, die sich kaum erschaffen wieder mit anderen vereinigten und abermals auseinander liefen. Sie blies sanft auf ihren Finger, ganz sanft, kaum bemerkbar, aber das Blütenblatt wirbelte erneut hoch in die Luft, als wäre es nicht ihr Atem, der es trug sondern ein wilder Herbsturm, wie er die kahlen Äste gegen die Fenster schlug und die Luft durchpeitschte, sie förmlich in Stücke schnitt. Sie sah dem Blatt nach, bis es außer Sichtweite flatterte. Jemand legte ihr ein Hand auf die Schulter. Warm, durchströmt von Leben. Sie hielt sie fest, als könne sie mit dem Wind, dem feinen Blütenblatt hinterher fliegen, ja, als wäre sie genauso zart. Ganz vorsichtig. Sie drehte sich nicht um. Wollte sich nicht umdrehen. Wollte niemanden ins Gesicht sehen. Irgendwo auf der Wiese saß jemand und blies Seifenblasen. Schillernd und schlingernd erhoben sie sich in die Luft. Bunt wie ein Regenbogen, der blaue, wolkenlose Himmel spiegelte sich verschwommen darin und hinterließ alle Farben, die man sich vorstellen kann. Vielleicht sogar noch ein paar mehr. Die Blasen flogen langsam hoch, höher und verloren sich dann im endlosen Blau. Ein kleiner Junge lief ihnen lachend hinterher. Ein helles Kinderlachen, wie es nicht besser in diesen lauen, fröhlichen Tag passen könnte. Sie sah fast die Wellen, wie sich das Lachen durch die helle, sonnendurchflutete Landschaft schlängelte. Das Licht brach sich in jedem einzelnen, feinen Wassertropfen, der an den Grashalmen und überall hing. Einzigartig und doch so leicht zerstörbar. Der kleine Junge sprang mit einem Jauchzer hoch und streckte seine Hand nach einer Seifenblase aus, die so träge vor sich hin flog. Er bekam sie zu fassen und schloss seine kleine Hand darum, als könnte er sie so festhalten. Dann kam er wieder auf dem Boden auf. Ein paar Erdklumpen flogen hoch, wie Wasserspritzer und blieben an seiner Hose hängen. Er kümmerte sich nicht darum, so wenig, wie sich Kinder in seinem Alter um so etwas kümmerten. Er öffnete die Hand und starrte entgeistert hinein, als er bemerkte, dass die schöne schillernde Seifenblase nicht mehr da war. Wie leicht zerstörbar so ein kleines Wunder für Kinder war. Klein. Eine Seifenblase. Nicht mehr. Nur Kinder konnte so rein und unschuldig sein, das noch so kleine Wunder in einer einzigen Seifenblase zu sehen. Wie viele Wunder musste es auf einer solchen Wiese und erst in einer großen, weiten Kinderwelt geben! Und doch, war das Wunder einfach weg, verschwunden war die schöne Seifenblase. Einfach so. Und verschwunden war damit auch die helle Begeisterung, hinterließ nur brennende Leere, ein Nichts, was sollte man da auch noch groß fühlen?

"Woran denkst du?", fragte ein sanfte Stimme leise hinter ihr.

Schluss! Diese Stimme gehörte der Vergangenheit an. Sie gehörte nicht hierher, gehörte nirgendwohin, es gab sie nicht mehr.

Ein scharfer Windstoß blies ihr kalten Regen ins Gesicht. Die Tropfen blieben ihr in den Wimpern hängen und rollten die Wangen hinunter, fast so wie Tränen. Doch sie konnte schon lange nicht mehr weinen. Das kalte Wasser tat erstaunlich gut, beförderte sie zurück dahin wo sie hin sollte, in die Gegenwart, ins Nichts, Nichts war das einzige was nicht wehtat. Aber sie wollte, dass es wehtat. Der winzige Teil in ihrem Kopf, der Unvernünftige wollte diesen Schmerz, wollte den Stich der Vergangenheit spüren, wollte nicht vergessen, wollte sie daran erinnern, dass sie der Mensch ist, der sie war, dass sie immer noch lebte, wollte verhindert, dass sie völlig im kalten Nirgendwo versank. Und dieser winzige, unvernünftige Teil hatte mehr Macht, als sie sich selbst eingestehen wollte.

Langsam löste sie ihre Hand vom Fenstergriff und schloss und öffnete sie steif, damit das Blut wieder in ihre Finger fließen konnte. Sollte es doch gar nicht erst rausfließen. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie ihre Hand so fest um den Griff gekrallt hatte. Wütend. Und traurig, Sie wollte eigentlich nicht traurig sein. Das war ein ausgestoßenes Gefühl. Aber es war immer noch da. Hielt sich versteckt im hintersten Winkel ihres Gehirns und kam immer dann hervor, wenn sie sich erinnerte. Wenn sie verzweifelt versuchte eben das zu verhindern. Dann überfiel die Traurigkeit sie wie ein noch dunklerer Schatten, der sich über den eh schon trostlosen Schatten ihres eigenen Lebens beugte, sie unter Kontrolle hatte. Und jetzt wollte sie, wollte all diese Traurigkeit hinauslassen. Musik. Musik war tabu. Musik war gefühlsgeladen und nichts hatte mehr Gefühl in ihrem Leben. Jetzt wollte sie Musik.

Ihre Flöte lag in einer Leinentasche unter dem säuberlich aufgeräumten Schreibtisch. Sie war ordentlich. Sie sah auch keinen Grund es nicht zu sein. Was sollte sie sonst tun? Aufräumen war neutral. Niemand hatte etwas dagegen, es ließ einen an nichts denken. Das war gut. Der Schreibtisch sah aus wie jeder andere auch. Nichts Auffälliges. Das war auch gut. Oben sah er aus wie der eines Erwachsenen. Schreibtischunterlage. Zettelkasten. Blätter. Stiftebecher, sortiert. Computer. Regal für Schulzeug. Erwachsen. Egal. Es sah nie jemand. Ganz, ganz vorsichtig, nahm sie ihr Flöte aus der Tasche. Das Holz war kalt und vom Mundstück war ein Teil abgebrochen. Sie ließ sich nicht mehr auseinandernehmen. Bestimmt war sie ganz verstimmt. Aber was machte das schon? Sanft schloss sie ihre Finger um das dunkle Holz. Es fühlte sich gut an. Wie lange musste es her sein, dass sie die Flöte das letzte Mal in der Hand gehabt hatte. Fast schon zärtlich strich sie mit den Fingern über die abgegriffenen Löcher und erinnerte sich mit einem Schaudern daran, dass sie die Flöte wirklich hatte wegschmeißen wollen, kurz nachdem....

Alles in ihr schrie dagegen an, was sie tat, all diese Gefühle, sogar Erinnerungen. Erinnerungen an erst vor kurzem vergangene Zeit. Man musste sich an so etwas nicht erinnern. Unnötig. Schmerzhaft. Wie Säure drang das alles durch ihr Schutzschild, durch ihren mühevoll aufgerichteten Panzer. Das durfte auf keinen Fall geschehen. Ihr Panzer musste weiter existieren. Er war lebensnotwendig für dieses nicht lebenswürdige Leben. Sie würde fallen. Tief. Ewig. Wütend. Traurig.

Für einen Moment senkte sie ihre bloßen Arme. Auf keinen Fall. Ihre linke Hand umklammerte immer noch die Flöte. Lass schon los! ,schrie ihr Inneres, Das ist verrückt! Aber ihre Hand ließ nicht los, umschloss das Holz nur noch fester. Fast hatte sie Angst, dass es splittern würde, so kräftig ja schon angstvoll hielt sie sich daran fest. Wie ein rettender Baumstamm mitten im reißenden, kalten Wildbach. Sie würde ertrinken wenn sie erst losließ. Aber wenn sie nicht losließ würde sie fallen. Tot. Beides wäre der sichere Tod.

Im Spiegel stand jemand. Ihr Spiegelbild. Nein, das tote, unbedeutende Spiegelbild, des Mädchens, das sie einmal gewesen war. Große Braune Augen. Die schwarz gelockten Haare, an denen sie früher immer begeistert herumgekaut hatte, wenn sie aufgeregt war, hingen jetzt wie Bleigewichte an ihrem Kopf. Sie waren länger geweorden. Länger und glatt. Sie hatte nicht darauf geachtet. Ihre ohnehin schon schlanke Figur, war jetzt schal, ja schon fast dürr, nur eine unbedeutende Siluette. "Du bist zu dünn, Kind!" , hatte ihre Großmutter geschimpft, wenn sie wieder einmal, die Hälfte des Gemüses auf dem Teller hatte liegen lassen. "Iss endlich, damit du was auf die Rippen bekommst." Der Kopf des Spiegelmädchens schoss in die Höhe, die braunen Augen weit angstvoll aufgerissen starrte es sie an. Erinnerungen. Es gab sie nicht, durfte sie nicht geben.

Ein breiter Riss zog sich durch den verdreckten Spiegel und ihr Abbild, so dass es sie schon fast wieder identisch machte. Zumindest innerlich gesehen. Zerrissen. Für immer. Unheilbar. Lange hatte sie diesen Spiegel nicht geputzt. War ja auch nicht nötig. Sie würde ihn nie wieder putzen. Nicht an die Zukunft denken! Was war die Zukunft schon? Man wusste ja doch nicht was kam. Nichts was man nicht planen konnte, Punkt für Punkt, war es wert, daran zu denken. Man würde ja doch nur anfangen zu träumen. Nichts war gefährlich als Träume, Wünsche, Hoffnung. Es gab keine Hoffnung mehr. Zumindest nicht solange man an nichts dachte, was einem Hoffnung machen konnte. Ihr Spiegelbild verzog das Gesicht. Nicht sie. Nur ihr Spiegelbild. Ein dicker Fettfleck prangte auf seinem linken Auge. Er musste uralt sein. Sie aß nicht in ihrem Zimmer. Wäre zu schlampig. Ihr Spiegelbild beachtete den Fettfleck nicht. Doch, noch eine Gemeinsamkeit. Dreckig. Auch ihr Inneres war dreckig. Beschmutzt von einem Müll, der sich nicht ohne weiteres wegwischen ließ. Beschmutz von unmöglichen, ganz spärlichen, doch da geblieben Gefühlen. So Unnötig. Gefährlich.

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