Schreibwettbewerb Schreibwettbewerb-Sieger: Fremde Perspektive

Wie sieht eigentlich das Leben eines Spazierstocks aus? Die Antwort darauf beschreibt Flame in der Gewinner-Geschichte des Schreibwettbewerbs "Fremde Perspektive"

Lebendig begraben

Es passierte heute früh, als ich meine Herrin, die Gräfin, wie jeden Tag auf den Spaziergang in den Park begleitete. Nun sollte ich mich erst mal vorstellen. Ich bin der treue dunkelbraune Spazierstock der Gräfin von und zu Sternenstein. Seit Jahrzehnten bin ich bei jedem der Spaziergänge in den Park dabei. So auch heute früh.

Nun, Gräfin von und zu Sternenstein ging mit mir in den Park wie immer. Sie setzte sich auf die Bank, auf die sie sich immer setzt. Derweilen lehnte ich friedlich vor mich hin dösend neben ihr an der Bank. Ich genoss die wärmende Sonne, spürte den Wind. Es war ein exzellentes Gefühl. Die Gräfin telefonierte. Das war nicht neu. Jedoch beschlich mich das ungute Gefühl, dass es heute anders war als sonst. Ich beschloss, diese Gedanken beiseite zu schieben und mich ganz auf das tolle Wetter zu konzentrieren. Das tat ich dann auch.

Doch der Frieden währte nicht lange.

Plötzlich spürte ich einen Ruck, wie mich jemand oder etwas in meinen Allerwertesten biss und mich packte. Ich registrierte einen dunklen Schatten mit Fell. Diese schreckliche Kreatur wollte nicht anhalten, sosehr ich im Stillen flehte. Ich wurde ordentlich durchgeschüttelt. Solch eine unsanfte Behandlung war ich nicht gewohnt. Die werte Gräfin würde niemals auch nur auf die Idee kommen, mich derart zu foltern!

Endlich hörte das wilde Schütteln auf. An den Bäumen, Pflanzen und säuberlich gepflegten Wegen erkannte ich, dass ich mich noch immer im Park befand. Doch wo nur war die holde Gräfin? Ich wusste es nicht.

Das Monster, das mich entführt hatte, buddelte nun im Boden ein längliches Loch. Das Monster machte "Wuff!", stupste mich mit seiner Schnauze - oder was immer es war - zu dem länglichen Loch im Boden. Als ich hineinfiel, dachte ich: Diese Kreatur hat mir ein Bett gemacht, wie reizend! Mein Entführer aber schaufelte das Loch, in dem ich lag, jetzt mithilfe seiner Pfoten mit widerlicher, dreckiger Erde zu. Ich konnte irgendwann rein gar nichts mehr erkennen. Alles was ich tun konnte, war, zu hoffen, dass das Monster mich wieder ausbuddelt oder dass meine Gräfin mich fand.

Und auch jetzt liege ich noch hier, fern von der Welt und lebendig begraben...

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Gräfin von und zu Sternenstein mit ihrem Sparzierstock unterwegs

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